Wenn Ratten beißen und was man dagegen tun kann

Kathrin Guttmann Verhalten

Es gibt viele mögliche Gründe, warum eine Ratte zubeißt. In diesem Artikel geht es darum, den jeweiligen Auslöser zu erkennen und zu lernen, auf das Verhalten der Ratte einzuwirken.

Beißen, das kein Beißen ist

Wenn eine Ratte die Zähne einsetzt, dann heißt das nicht unbedingt, dass sie beißt. Ratten nutzen ihre Zähne nämlich auch für andere Zwecke. Zum Beispiel greifen sie manchmal mit den Zähnen einen Finger, um ihn zu betasten oder "mitzunehmen". Ratten nutzen neben ihren Vibrissen und Voderfüßen gerne auch das Maul, um Objekte zu untersuchen. Ich habe auch immer wieder beobachtet, dass eine Ratte einen Finger packt und ihn in ein Häuschen zieht. Warum sie das tun, ist mir nicht ganz klar, aber es könnte ein Zeichen dafür sein, dass sie den Finger in Ruhe näher untersuchen wollen, dass sie den Finger für sich alleine beanspruchen und nicht mit den Rudelmitgliedern teilen wollen oder dass sie den Finger wie ein Baby in ein Nest ziehen wollen. Letzteres habe ich bei säugenden Müttern öfter beobachtet. Aber auch Jungs greifen sich durchaus mal einen Finger und wollen ihn "mitnehmen". Dabei halten die Tiere den Finger deutlich mit den Zähnen fest, durchbeißen aber nicht die Haut. Sie können die Bißstärke sehr gut einschätzen - sonst könnte eine Rattenmutter ihre Babies nicht gefahrlos im Maul transportieren.

Manchmal fangen Ratten auch an, sanft an den Fingern zu knappern. Vor allem die Hautränder an den Fingernägeln werden gerne bearbeitet. Inbesondere Jungtiere neigen dazu, an Fingern zu knabbern oder zu lecken, aber auch erwachsene Ratten zeigen dieses Verhalten deutlich. Ob es sich dabei um eine Art gegenseitige Fellpflege handelt, kann ich nicht sagen, aber es handelt sich keinesfalls um Beißen.

Die beiden beschriebenen Arten des Beißens, die kein Beißen sind, entsprechen dem natürlichen Verhalten der Ratten in der Kommunikation mit dem Menschen. Möchte man dieses Verhalten unterbinden, sollte man den Finger weg nehmen und ein deutliches Nein aussprechen. Manchmal hilft es auch, die Ratte sanft weg zu schubsen.

Angstbeißen

Die häufigste Form des Beißens bei Farbratten stellt wohl das Angstbeißen dar. Das liegt oft an mangelnder Zahmheit. Ein zahmes Tier toleriert die menschliche Gegenwart sowie die Handhabung durch den Menschen und hat keine Angst davor oder zeigt Aggressionen (Albert, F. W, et al. 2009[Albert, F. W. et al. (2009). Genetic Architecture of Tameness in a Rat Model of Animal Domestication.]).Die Zahmheit einer Ratte wird - wie viele Verhaltensweisen - von vor allem zwei Faktoren beeinflusst: Anlage (also Genetik) und Umwelt (also Erfahrungen).

In einer Studie von 2009 konnten Albert et al.[Albert, F. W. et al. (2009). Genetic Architecture of Tameness in a Rat Model of Animal Domestication.] zeigen, dass Zahmheit bei Ratten tatsächlich eine genetische Komponente hat. Das bedeutet, dass man durch gezielte und überlegte Zuchtauswahl Tiere züchten kann, die bereits von ihrer Anlage her dem Menschen zugewandt sind.

Auf der anderen Seite stehen die Erfahrungen, die eine Ratte während ihres Lebens macht (Faktor Umwelt). Wenn eine Ratte an den Menschen gewöhnt ist und häufig mit ihm auf positive Weise interagiert, wird eine durch ihre Anlage bereits zahme Ratte sich dem Menschen zugewandt entwickeln. Eine durch ihre Anlage weniger zahme Ratte kann dadurch etwas von ihrer Scheu ablegen und zahmer werden. Gibt es wenig positive Interaktion mit Menschen, werden selbst Ratten mit zahmer Anlage evtl. ängstlicher und von ihrer Anlage bereits nicht zahme Ratten werden noch zurückhaltender.

Bei Angstbeißern muss man nur unterscheiden, ob die Angst vor allem an der Anlage oder an der Umwelt liegt. Einer Ratte mit zahmer Anlage, die zu wenig oder schlechte Erfahrungen mit dem Menschen gemacht hat, kann man durch geduldigen, langsamen Kontaktaufbau Vertrauen in den Menschen geben. Dafür nährt man seine Hand zunächst langsam an und steigert die Nähe Schritt für Schritt über einen längeren Zeitraum. Man kann auch versuchen, die Ratte mit Leckerbissen wie z.B. Malzpaste zu locken, allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass unsichere Ratten kein Futter aus der Hand annehmen. Hilfreich kann auch sein, das Tier mit einer anderen Ratten zu vergesellschaften, die bereits sehr zahmes Verhalten zeigt.

Bei einer Ratte, die keine zahme Veranlagung hat, kann man ähnlich vorgehen. Allerdings sollte man immer im Hinterkopf behalten, dass man so ein Tier zwar zähmen kann, aber dass es immer dem Menschen gegenüber skeptisch bleiben kann. Man kann solche Ratten zwar durch mehr oder weniger aufwendige Konditionierung (z.B. mit Hilfe von Klicker-Training) zähmen, aber von ihrer Anlage her wird sie unter Umständen nie die Nähe des Menschen genießen. In solchen Fälle sollte man meiner Meinung nach dieses Tier in Ruhe lassen und akzeptieren, dass es Menschen einfach nicht so toll findet.

Auf keinen Fall sollte man einem Angstbeißer auf die Nasen hauen, wenn er/sie beißt oder sie durch Anstupsen zurecht weisen, da dies die Angst noch verstärkt.

Mehr zu dem Thema wird im Artikel Zuchtziel Zahmheit bei Ratten diskutiert.

Dominanzbeißen

Dominanzbeißen tritt vor allem bei Böcken auf. Dem Beißen geht oft deutliches Aufplustern und Borsteln oder auch Markieren mit Urin voraus Die Böcke zeigen auch andere Verhaltensweisen, die im Artikel Dominantes und Aggressives Verhalten bei Ratten beschrieben werden.

Bei einem Dominanzbeißer muss man beachten, dass jede Zurechtweisung z.B. durch Anstupsen oder gar auf die Nase hauen (was man ohnehin nie tun sollte) die Aggression noch verstärken.

Ursache für dieses Verhalten kann z.B. sein, dass ein Bock seine Rolle als Rudelchef zu ernst nimmt oder damit überfordert ist oder dass man den Geruch von Mädels oder rudelfremden Jungs an sich trägt.

Bei einem Dominanzbeißer rate ich dazu, ihn erst einmal in Ruhe zu lassen und abzuwarten, ob sich das Verhalten von alleine legt, was bei Veränderungen in der Rudeldynamik durchaus der Fall sein kann. Legt sich das Verhalten nicht, kann eine Kastration der letzte Ausweg sein, allerdings hilft auch diese nicht immer weiter. Dann muss man tatsächlich versuchen, sich mit dem Verhalten zu arrangieren und dem Herren aus dem Weg zu gehen. Auch eine Integration in ein anderes Rudel kann helfen, bei einem sehr dominanten Bock ist dies aber oft nicht möglich.

Mütterliche Aggression

Eine Sonderform des Beißens stellt die mütterliche Aggression dar. Selbst sehr zahme Rattenweibchen können bissig werden, wenn sie Babies haben. In dem Fall sollte man einfach abwarten, die Aggression legt sich in der Regel, sobald die Babies das Nest verlassen. Bei einigen Ratten bleibt die Aggression aber auch nach dem Absetzen der Babies leider erhalten.

Bild: Alexey Krasavin