Stress und Immunsuppression

Kathrin Guttmann Gesundheit, Wissen

Immer wieder berichten neue Rattenbesitzer davon, dass ihre Tiere bereits am ersten Tag im neuen Zuhause krank waren, wobei es sich selten um schwere Erkrankungen handelt. Meistens niesen die Ratten verstärkt, zeigen Hardersches Sekret oder haben etwas Durchfall. Da liegt natürlich die Vermutung nahe, dass die Tiere bereits bei der/dem Züchter*in krank waren. Dies muss aber keineswegs der Fall sein. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass Tiere, die bei uns keinerlei Krankheitszeichen zeigen (wir machen vor der Abgabe immer einen Gesundheitscheck der Zähne, der Atemwege mit Stethoskop sowie der Ausscheidungen) plötzlich im neuen Zuhause kränkeln.

Ein Grund hierfür kann eine stressbedingte Immunsuppression sein. In jedem privat gehaltenen Rattenbestand und Haushalt gibt es Keime, die solange sie nicht überhand nehmen von der Immunabwehr des Körpers gut in Schach gehalten werden können. Diese Keimbelastung ist völlig normal. Sterile Bedingungen kann man in einer privaten Rattenhaltung nicht herstellen, da z.B. zum Aufbau eines keimfreien Rattenbestandes die Babies per Kaiserschnitt geboren und getrennt von der Mutter aufgezogen werden müssen. Im Folgenden sind strenge Hygienemaßnahmen notwendig, die z.B. auch einen abgeschlossenen Raum bedürfen, in den Luft nur über ein Filtersystem eindringen kann, dass die Keime aus der Luft entfernt. Der Pfleger darf keinen Kontakt zu anderen Ratten haben und der Zugang zu den Tieren darf nur über eine Schleuse und mit steriler Kleidung erfolgen. Wie gesagt: in der privaten Rattenhaltung nicht möglich und auch nicht wünschenswert, da die steril gehaltenen Tiere keine spezifische Immunabwehr aufbauen können und so besonders anfällig sind, sollten sie doch Keimen ausgesetzt sein. Ein Beispiel für in fast allen Rattenbeständen als latente Infektionen vorhandenen Keime sind Mykoplasmen.

Werden Ratten jetzt besonderem Stress wie z.B. einem Umzug ins neue Zuhause oder einer Integration mit neuen Rudelmitgliedern ausgesetzt, können diese latenten Infektionen ausbrechen, da das Immunsystem sie nicht mehr abwehren kann. Folge ist, dass die Ratte anfängt zu kränkeln und z.B. verstärkt zu niesen. Dann ist es empfehlenswert, das Tier in Ruhe zu lassen und ihm Zeit zu geben, sich einzugewöhnen. Meistens legen sich die Krankheitssymptome nach relativ kurzer Zeit wieder, wenn der Stresspegel nachlässt und die körpereigene Abwehr wieder voll funktioniert.

Auch verstärkt austretendes Hardersches Sekret, das als rote Kruste an Auge und Nase sichtbar wird, muss kein Zeichen für eine Erkrankung sein. Stress alleine reicht bereits aus, um die Produktion des Sekretes innerhalb kürzester Zeit ansteigen zu lassen. Auch das sollte sich nach ein paar Tagen legen.

Durchfälle können bereits auf der Fahrt nach Hause auftreten und sind eine direkte Stressfolge. Auch dies sollte sich innerhalb kurzer Zeit von selbst wieder regulieren.

Die stressbedingte Immunsuppression ist auch der Grund, warum man unbedingt eine zweiwöchige Quarantäne einhalten sollte, bevor man neue Ratten in ein bereits vorhandenes Rudel integriert, auch wenn die Tiere aus einem nachweislich gesunden Bestand stammen. Denn die neuen Tiere sind zum einen anfälliger gegen Keimen, können ab zum anderen auch aufgrund der geschwächten Immunabwehr eine höhere Keimzahl einschleppen, da diese Keime nicht mehr hinreichend vom Immunsystem bekämpft werden können.