Kahle Stellen bei Farbratten - "Rasieren" und Barbering

Kathrin Guttmann Gesundheit, Verhalten

Mit Barbering (auf Deutsch meist "Rasieren") wird das Entfernen von Haaren durch ein Tier bei sich selbst (Self-Barbering) oder bei seinen Käfigmitbewohnern (Hetero-Barbering) bezeichnet. Hetero-Barbering beinhaltet Situationen, in denen eine Ratte bei einem Gruppenmitglied Vibrissen oder Fellhaare herauszieht oder kürzt. Besonders häufig finden sich dann kahle Stellen an Nase, Kopf, Schultern, Unterarmen, aber auch andere Lokalisationen sind möglich1) Kalueff, A.V., et al., Hair barbering in mice: implications for neurobehavioural research. Behav. Processes. 2006. 71(1): p. 8-15. 2) Kurien, B.T., T. Gross, and R.H. Scofield, Barbering in mice: a model for trichotillomania. Bmj. 2005. 331(7531): p. 1503-5. 3) Sarna, J.R., R.H. Dyck, and I.Q. Whishaw, The Dalila effect: C57BL6 mice barber whiskers by plucking. Behav. Brain Res. 2000. 108(1): p. 39-45. 4)Garner, J.P., et al., Barbering (fur and whisker trimming) by laboratory mice as a model of human trichotillomania and obsessive-compulsive spectrum disorders. Comp. Med. 2004. 54(2): p. 216-24. 5) Hill, R.A., et al., Estrogen deficient male mice develop compulsive behavior. Biol. Psychiatry. 2007. 61(3): p. 359-66.. Das Muster, das eine rasierende Ratte dabei bei anderen hinterlässt, ist gewöhnlich bei allen rasierten Ratten ähnlich. Dieses Muster wird auch als "cutting style" bezeichnet6) Sarna, J.R., R.H. Dyck, and I.Q. Whishaw, The Dalila effect: C57BL6 mice barber whiskers by plucking. Behav. Brain Res. 2000. 108(1): p. 39-45.. [Anmerkung: Bei unseren eigenen Ratten haben wir z.B. eine rasierende Ratte gehabt, die immer eine kleine kahle Stelle zwischen den Ohren und am linken Oberarm bis zur Schulter geknabbert hat - wohl gemerkt: immer nur links!]

Gründe für Barbering bzw. Rasieren bei Farbratten

Dominanz-Hypothese

Der Dominanzhypothese zufolge kommt Barbering eine Funktion im Rahmen der sozialen Hierachie einer Rattengruppe zu. Das Verhalten sorgt dafür, dass soziale Hierchien aufgebaut und aufrecht erhalten werden können und kann Aggressionen reduzieren. Die Hypothese wird durch die Beobachtung gestüzt, dass Gruppenmitglieder oft freiwillig am Hetero-Barbering teilnehmen und dass dieses Verhalten negativ mit aggressivem Verhalten korreliert ist 7) Kalueff, A.V., et al., Hair barbering in mice: implications for neurobehavioural research. Behav. Processes. 2006. 71(1): p. 8-15. 8) Sarna, J.R., R.H. Dyck, and I.Q. Whishaw, The Dalila effect: C57BL6 mice barber whiskers by plucking. Behav. Brain Res. 2000. 108(1): p. 39-45..

Coping- oder Bewältigungs-Hypothese

Die Coping- oder Bewältigungshypothese geht davon aus, dass Barbering oder Rasieren bei Farbratten eine Adaptation an unnatürliche oder unangemessene Unterbringungsbedingungen ist [30, 31]. Allerdings gibt es keine Belege dafür, dass das Barbering einen stressreduzierenden Effekt für die rasierende Ratte hat9) Dufour, B., The role of nutritional up-regulation of serotonin in a mouse model of trichotillomania. 2008, Purdue University: West Lafayette, IN.

Pathologie-Hypothese

Bei der Pathologie-Hypothese wird angenommen, dass abnorme Gehirnfunktionen mit dem Barbering assoziiert sind. Es wird als abnormales, dysfunktionales Verhalten angesehen, da ihm kein adaptiver Wert beigemessen wird. Barbering kann eine Folge einer gestörten neuro-anatomischen Entwicklung sein, vor allem die der dopaminergen und serotonergen Verbindungen. Zusätzlich können Abweichungen in Anatomie und Physiologie des präfrontalen Cortex und des Striatum eine Rolle spielen.

Genetik-Hypothese

Gestützt wird die Genetik-Hypothese dadurch, dass es einige Mäuse-Stämme gibt, in denen Barbering verstärkt auftritt, und dass einige genetische Manipulationen das Barbering-Verhalten direkt beeinflussen. Allerdings wird davon ausgegangen, dass es nicht durch ein einzelnes Gen oder Allel beeinflusst wird10) Hauschka, T.S., Whisker-eating mice. J. Hered. 1952. 43(2): p. 77. .

Oxidativer-Stress-Hypothese

Als oxidativen Stress bezeichnet man eine Stoffwechsellage, bei der eine das physiologische Ausmaß überschreitende Menge reaktiver Sauerstoffverbindungen (ROS – reactive oxygen species) gebildet wird bzw. vorhanden ist. Diese reaktiven Sauerstoffverbindungen entstehen im Rahmen von Stoffwechselvorgängen der mitochondrialen Elektronentransportkette. Vierira et al. konnten zeigen, dass Barbering bei Mäusen mit erhöhtem oxidativem Stress einhergeht11) Preventing, treating, and predicting barbering: A fundamental role for biomarkers of oxidative stress in a mouse model of Trichotillomania
Vieira GdLT, Lossie AC, Lay DC Jr, Radcliffe JS, Garner JP (2017) Preventing, treating, and predicting barbering: A fundamental role for biomarkers of oxidative stress in a mouse model of Trichotillomania. PLOS ONE 12(4): e0175222. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0175222
. Als wirksames Mittel gegen Barbering wurde in dieser Studie N-Acetylcysteine, (NAC)  identifiziert, das die Glutathion(GSH)-Synthese im Gehirn verbessert und so oxidativem Stress vorbeugt.

Barbering als Tiermodell für Zwangsstörungen und Trichotillomanie bei Menschen

Das Barbering bei Ratten und vor allem Mäusen gilt als valides Tiermodell für Zwangsstörungen und Trichotillomanie ( eine komplexe Störung der Impulskontrolle, deren augenscheinlichstes Erscheinungsbild darin besteht, dass sich Betroffene die eigenen Haare ausreißen).

Behandlung

Da bisher nicht geklärt ist, was die eigentliche Ursache für das Babering ("Rasieren") bei Nagetieren ist12) Kalueff, A.V., et al., Hair barbering in mice: implications for neurobehavioural research. Behav. Processes. 2006. 71(1): p. 8-15. 13) Dufour, B., The role of nutritional up-regulation of serotonin in a mouse model of trichotillomania. 2008, Purdue University: West Lafayette, IN. , gibt es wenig Anhaltspunkte für eine effektive Behandlung.

Ein Möglichkeit der symptomatischen Behandlung beim Hetero-Barbering besteht darin, die rasierende Ratte auszusondern und zu versuche, sie in ein anderes Rudel zu integrieren, in dem sie eine anderen hierarchische Stellung einnimmt. Allerdings ist in dem Fall nicht ausgeschlossen, dass das Tier sein Verhalten in einer neuen Gruppe weiterhin zeigt.

Sowohl beim Hetero- als auch beim Self-Barbering kann man versuchen, die rasierten Stellen mit einem bitterstoffhaltigen Spray zu behandeln. Dabei ist darauf zu achten, das das verwendete Spray ungiftig und alkoholfrei ist und die empfindliche Haut nicht reizt.

Auch wenn die Bedeutung von Stress und Langeweile beim Barbering umstritten ist, sollte man für eine anregende, mit Beschäftigungsmöglichkeiten versehene Haltung sowie eine Reduktion von möglichen Stressoren sorgen.

Achtung: Bei einem Verdacht, dass eine Ratte Self- oder Hetero-Barbering zeigt, sollte auf jeden Fall die Möglichkeit einer Dermatophytose ausgeschlossen werden.

References   [ + ]

1. Kalueff, A.V., et al., Hair barbering in mice: implications for neurobehavioural research. Behav. Processes. 2006. 71(1): p. 8-15.
2. Kurien, B.T., T. Gross, and R.H. Scofield, Barbering in mice: a model for trichotillomania. Bmj. 2005. 331(7531): p. 1503-5.
3, 6, 8. Sarna, J.R., R.H. Dyck, and I.Q. Whishaw, The Dalila effect: C57BL6 mice barber whiskers by plucking. Behav. Brain Res. 2000. 108(1): p. 39-45.
4. Garner, J.P., et al., Barbering (fur and whisker trimming) by laboratory mice as a model of human trichotillomania and obsessive-compulsive spectrum disorders. Comp. Med. 2004. 54(2): p. 216-24.
5. Hill, R.A., et al., Estrogen deficient male mice develop compulsive behavior. Biol. Psychiatry. 2007. 61(3): p. 359-66.
7, 12. Kalueff, A.V., et al., Hair barbering in mice: implications for neurobehavioural research. Behav. Processes. 2006. 71(1): p. 8-15.
9. Dufour, B., The role of nutritional up-regulation of serotonin in a mouse model of trichotillomania. 2008, Purdue University: West Lafayette, IN
10. Hauschka, T.S., Whisker-eating mice. J. Hered. 1952. 43(2): p. 77.
11. Preventing, treating, and predicting barbering: A fundamental role for biomarkers of oxidative stress in a mouse model of Trichotillomania
Vieira GdLT, Lossie AC, Lay DC Jr, Radcliffe JS, Garner JP (2017) Preventing, treating, and predicting barbering: A fundamental role for biomarkers of oxidative stress in a mouse model of Trichotillomania. PLOS ONE 12(4): e0175222. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0175222
13. Dufour, B., The role of nutritional up-regulation of serotonin in a mouse model of trichotillomania. 2008, Purdue University: West Lafayette, IN.