Dwarf Ratten - die Zwerge unter den Ratten

Kathrin Guttmann Körper, Wissen, Zucht & Genetik

Dwarf Ratten oder auch Zwergratten sind 40-75% kleiner als Standardratten, zeigen aber keinerlei gesundheitliche Einschränkungen, sondern haben sogar eine höhere Lebenserwartung

Der Historie der Dwarf Ratte (Zwergratte)

Robinson stellt in seinem Buch „Genetics oft he Norway Rat“1)Robinson, R. (1965) Genetics oft he Norway Rat. Pergamon Press, Oxford bereits zwei Dwarf-Mutationen dar. Die erste wurde 1934 von Sciuchetti und Lambert2)SCIUCHETTI, A. M. and LAMBERT, W. V. (1934) A study of the inheritance and physiological behavior of dwarfism associated with an eye defect in rats. Proc. Iowa Acad. Sei., 41: 317-18 beschrieben. Es handelt sich um ein einfach autosomal rezessives Allel. Bei ihrer Geburt waren die Dwarf-1-Ratten noch genauso groß wie ihre Geschwister, ab dem 5 Tag bildete sich eine immer größer werdende Schere zwischen den Wachstumskurven. Die Tiere entwickelten später Fell und das Fell war weniger dicht als das von Standard-Tieren. Diese Art von Dwarf-Ratten war krankheitsanfälliger und weniger langlebig als Standard-Ratten. Alle homozygoten Tiere waren unfruchtbar, die Hoden der Männchen unterwickelt und geschlechtsbedingte Größenunterschiede nicht ausgeprägt.

Eine zweite Form von Dwarf-Ratten wurde 1939 von Woolley und Cole3)WOOLLEY, G. W. and COLE, L. J. (1939) A new dwarf mutation (dw2) in Rattus norvegicus. Genetics, 24: 111 beschrieben. Bei diesem Typ verlangsamt sich die Entwicklung erst ab dem zweiten Lebensmonat. Sie hatten einen kurzen, dicken rumpf und entwickelten einen Exophthalmus (krankhaftes Hervortreten der Augen). Das Gewicht lag bei 100 bis 150 g, wobei Männchen schwerer waren als Weibchen. Die Männchen konnten sich nicht fortpflanzen, während die Weibchen einige wenige Würfe hatten.

Die Dwarf-Ratten, auf die unsere aktuellen Liebhaberlinien zurück gehen, wurde 1977 in einem Labor der Morishita Pharmaceutical Co. Ltd. in einem Stamm von Sprague Dawley Ratten entdeckt. Daraus entwickelten sich neue Laborstämme, die unter anderem als Modell für die Altersforschung oder den Mangel an Wachstumshormonen beim Menschen dienen. Andererseits gelangen auch Tiere zu Hobbyzüchtern. Die erste Rattery, die mit Dwafs arbeitete, war die Little Rugs Rats Rattery. Die Züchterin gab Nachkommen der Tiere an die OFR Rattery, die RRLM Rattery und die PNS Rattery ab, von wo die Tiere wiederum zur Zucht Camarattery gelangten und weiter nach Kananda. Schließlich wurden Dwarfs aus Kanada von Fairytale Rats nach Deutschland importiert (unsere Dwarfs stammen aus einer Linie aus Belgien).

Ursache des Zwergwuchses

Die Hemmung der Größenentwicklung der Dwarfs Ratte (Spontaneous Dwarf Rat, SDR) wird durch das Fehlen des Wachstumshormons in der anterioren (vorne liegenden) Hypophyse (Hirnanhangsdrüse) ausgelöst. Aus dem Grund können SDR als Tiermodell für durch Wachstumsmangel ausgelösten Zwergwuchs beim Menschen heran gezogen weren (Okuma 19844)Seitaro Okuma (1984), Study of growth hormone in spontaneous dwarf rat, Nihon Naibunpi Gakkai zasshi). Dieser Mangel an Wachstumshormonen wird durch eine Punktmutation im entsprechenden Gen ausgelöst, (Takeuchi et al. 1990<95)Takeuchi, Takashi & Suzuki, Hitoshi & Sakurai, Susumu & Nogami, Haruo & Okuma, Shinichi & Ishikawa, Hiroshi. (1990). Molecular Mechanism of Growth Hormone (GH) Deficiency in the Spontaneous Dwarf Rat: Detection of Abnormal Splicing of GH Messenger Ribonucleic Acid by the Polymerase Chain Reaction*. Endocrinology. 126. 31-8. 10.1210/endo-126-1-31. . Eine Ersetzung von Guanin durch Adenosin am dritten Intron des Ratten-Wachstumshormon-Gens auf dem Chromosom 10 ist die Ursache für den Dwarf Phänotyp. Diese Spontanmutation wirkt sich auf den 3' splice/acceptor site aus (Rat Genom Database). Das Dwarfs-Allel vererbt sich autosomal rezessiv.

Folgen des Zergwuchses bei Dwarf Ratten

Teilweise werden Dwarf Ratten ohne Nennung irgendwelche Gründe als Qualzuchten bezeichnet. Dabei wurde bisher von keinerlei gesundheitlichen Einschränkungen berichtet. Vielmehr gibt es wissenschaftliche Belege dafür, dass Dwarf Ratten eine geringere Tumoranfälligkeit und höhere Lebenserwartung als Standard-Ratten haben. In einer Studie, in der SDR Dwarf Ratten mit Standard-Sprague-Dawley-Ratten verglichen wurden, zeigten die Dwarf-Ratten eine erhöhte Lebenserwartung von 20-40% bei Männchen und 10-20% bei Weibchen. Die Dwarf Ratten zeigten eine von der Standardratte abweichende Endokrinologie, Langlebigkeit und Pathologie, was sie interessant macht als Tiermodell für die Altersforschung (Kuramoto et al. 2010 6)Kuramoto K1, Tahara S, Sasaki T, Matsumoto S, Kaneko T, Kondo H, Yanabe M, Takagi S, Shinkai T. (2010), Spontaneous dwarf rat: a novel model for aging research, Geriatr Gerontol Int. 2010 Jan;10(1):94-101). In einer weiteren Studie zeigten die SDR Dwarf Ratten eine um durchschnittlich 38% erhöhte Lebenserwartung im Vergleich zu Sprague-Dawley-Ratten. Gesenkte 8-oxo-2′-Deoxyguanosine (8-oxodG), Marker für oxidative Schädigung der DNA, zeigten einen unterdrückten oxidativen Streß in der Leber, den Nieren und der Lunge von Dwarf-Ratten an. Damit ging konsistent eine erhöhte Aktivität des Glutathion Peroxidase Enzyms einher. (Sasaki et al. 20027)Sasaki et al. (2002), Lifespan extension in the spontaneous dwarf rat and enhanced resistance to hyperoxia-induced mortality, Experimental Gerontology, Volume 48, Issue 5, May 2013, Pages 457-463). Es gibt Hinweise darauf, dass weibliche Dwarf Ratten weniger anfällig sind, Gesäugetumore zu entwickeln. In einer Studie wurde die Entwicklung von Tumoren in Dwarf-Ratten und in Ratten, die heterozygot oder homozygot für das Non-Dwarf-Allel waren, chemisch induziert. Während die Standard-Tiere durchchnittlich 4 Tumore pro Ratte entwickelten, entwickelten Dwarf-Ratten in der selben Zeit nur 0,21 Tumore pro Tier (Swanson et al. 20028)Swanson SM1, Unterman TG. (2002), The growth hormone-deficient Spontaneous Dwarf rat is resistant to chemically induced mammary carcinogenesis, Carcinogenesis. 2002 Jun;23(6):977-82).

Der Standard der Dwarf-Ratte

Bisher ist mir nur ein Standard für Dwarf-Ratten bekannt. Er wurde von Ratspac NW in den USA entwickelt. Es werden zwei Typen unterschieden:

  • Miniatur: Die Ratte soll bezüglich Farbe, Zeichnung, Temperament und Kondition den Standards einer normalen Ratte entsprechen. Kann eine neugierige und geschäftige Persönlichkeit haben. Die Körpergröße sollte 1/3 einer Standardratte betragen. Die Füße sind kürzer im Verhältnis zum Körper. Die Schwänze sind kürzer im Verhältnis zum Körper. Beine sind kurz. Die Augen sollten groß sein. Die Gesichtzüge von Böcken können femininer erscheinen, was kein Fehler ist. 
    Fehler: Kleine Standardratte, die genetisch kein Dwarf ist
  • stämmig: Die Ratte soll bezüglich Farbe, Zeichnung, Temperament und Kondition den Standards einer normalen Ratte entsprechen. Kann eine neugierige und geschäftige Persönlichkeit haben. Die Körpergröße sollte 1/3 einer Standardratte betragen. Die Füße sind kürzer im Verhältnis zum Körper. Die Schwänze sind kürzer im Verhältnis zum Körper. Die Gesichtsmerkmale von Männchen und Weibchen sind kürzer und breiter als die von Miniatur-Dwarfs. Die Augen sind sehr groß und überproportional. Die Beine sind kurz. Babies können dünne Schwänze haben.
    Fehler: Kleine Standardratte, die genetisch kein Dwarf ist

Sind Zwergratten anders als normal große Ratten?

Amy von Camrattery, die eine der ersten Züchter/innen war, die die mit Dwarf Ratten im Bereich der privaten Zucht gearbeitet hat, berichtet, dass sich ihre Dwarf-Ratten durchaus von Standard-Ratten unterscheiden. Sie betont, dass man Dwarf Ratten nicht gerecht werden würde, wenn man sie lediglich als kleinere Versionen normaler Ratten bezeichnet. Sie schreibt über ihre Ratten, dass sie zunächst sehr ängstlich sind und leicht wegrennen oder wegspringen, bis sie im Alter von einem Jahr ruhiger werden. Darüber hinaus sind Dwarf Ratten kleine Energiebündel. Allerdings hebt Amy auch hervor, dass sich Dwarf Ratten in Bezug auf Gesundheit nicht von Standard-Ratten unterscheiden und keinesfalls andere oder sogar mehr gesundheitliche Probleme haben.

Kann man Zwerg- und Standard-Ratten zusammen halten?

Diese Frage kann man nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten. Ob eine Vergesellschaftung gelingt, ist sehr von den Tieren abhängig. Dwarf-Ratten zeigen ein ganz normales territoriales und agonisitisches Verhalten wie Standard-Ratten und können ganz normal mit ihnen kommunizieren. Sie verhalten sich also nicht wie Jungtiere, die noch kein adultes Gruppenverhalten entwickelt haben. Andererseits können die Zwerge rein körperlich einer erwachsenen Standard-Ratte nicht viel entgegen setzen. Bei einer Integration ist daher Vorsicht geboten und sie sollte nur unter enger Aufsicht erfolgen.

Wir selbst halten unsere Dwarfs ganz normal mit unseren Standard-Ratten und hatten bisher keine Probleme.

Sind Dwarf Ratten eine Qualzucht?

Bisher habe ich keinerlei Informationen zu körperlichen oder psychischen Veränderungen bei der Dwarf Ratte gefunden, die zu Leiden der Tiere führen könnten. Ganz im Gegenteil: Es gibt Hinweise darauf, dass Dwarf-Ratten eine höhere Lebenserwartung und geringere Tumorneigung haben als Standard-Ratten. Das Gutachten zur Auslegung des § 11b des Tierschutzgesetzes ("Qualzuchtparagraph") bemerkt zum Zwergwuchs:

Die Ursache des echten Zwergwuchses ist eine genetisch bedingte Wachstumsschwäche mit einer bereits bei der Geburt nachweisbaren, allgemeinen proportionierten Unterentwicklung des gesamten Körpers, die auch durch das postnatale Wachstum nicht ausgeglichen wird. Bei Hunden, Kaninchen und Geflügel wird diese Form des Zwergwuchses bei verschiedenen Rassen systematisch gezüchtet.

Das Gutachten kommt nicht zu dem Schluss, dass es sich beim echten Zwergwuchs um keine Qualzucht handelt, außer es ergeben sich Dispositionen zu anderen Erkrankungen (z. B. Bandscheibenvorfall, Hydrocephalus internus (Wasserkopf), persistierende Fontanellen, Atemstörungen, Fehlstellung von Knochen und Gelenken sowie Schwergeburten). Keine dieser Merkmale ist bei Dwarf-Ratten gegeben. Die in Deutschland verbreitete Annahme, dass Dwarf-Weibchen zu Schwergeburten neigen, kann ich nicht bestätigen.

References   [ + ]

1. Robinson, R. (1965) Genetics oft he Norway Rat. Pergamon Press, Oxford
2. SCIUCHETTI, A. M. and LAMBERT, W. V. (1934) A study of the inheritance and physiological behavior of dwarfism associated with an eye defect in rats. Proc. Iowa Acad. Sei., 41: 317-18
3. WOOLLEY, G. W. and COLE, L. J. (1939) A new dwarf mutation (dw2) in Rattus norvegicus. Genetics, 24: 111
4. Seitaro Okuma (1984), Study of growth hormone in spontaneous dwarf rat, Nihon Naibunpi Gakkai zasshi
5. Takeuchi, Takashi & Suzuki, Hitoshi & Sakurai, Susumu & Nogami, Haruo & Okuma, Shinichi & Ishikawa, Hiroshi. (1990). Molecular Mechanism of Growth Hormone (GH) Deficiency in the Spontaneous Dwarf Rat: Detection of Abnormal Splicing of GH Messenger Ribonucleic Acid by the Polymerase Chain Reaction*. Endocrinology. 126. 31-8. 10.1210/endo-126-1-31.
6. Kuramoto K1, Tahara S, Sasaki T, Matsumoto S, Kaneko T, Kondo H, Yanabe M, Takagi S, Shinkai T. (2010), Spontaneous dwarf rat: a novel model for aging research, Geriatr Gerontol Int. 2010 Jan;10(1):94-101
7. Sasaki et al. (2002), Lifespan extension in the spontaneous dwarf rat and enhanced resistance to hyperoxia-induced mortality, Experimental Gerontology, Volume 48, Issue 5, May 2013, Pages 457-463
8. Swanson SM1, Unterman TG. (2002), The growth hormone-deficient Spontaneous Dwarf rat is resistant to chemically induced mammary carcinogenesis, Carcinogenesis. 2002 Jun;23(6):977-82