Dominantes und Aggressives Verhalten bei Ratten

Kathrin Guttmann Verhalten, Wissen

Dominanzverhalten gehört zum ganz normalen Verhaltens-Repertoire unserer Farbratten. Insbesondere dann, wenn neue Ratten in ein Rudel integriert werden sollen, kommt es zu dominanten bzw. sogenanntem agtagonisitischen Verhalten, mit dem der Eindringling vertrieben bzw. die neue Stellung im Rudel ausgehandelt werden soll. Für Personen, die eine Integration durchführen wollen, ist es unabdingbar, sich mit den entsprechenden Verhaltensweisen auseinander zu setzen, um das Verhalten der Tiere richtig deuten zu können. Aber nicht nur neuen Tieren gegenüber wird dominierendes Verhalten gezeigt. Auch innerhalb eines bestehenden Rudels kann es immer wieder passieren, dass Tiere die bestehende Rudelhierachie in Frage stellen und ihre Position neu aushandeln wollen. Dieses Verhalten gehört zum Leben in einer Rattenkolonie und tritt vor allem auf, wenn sich die Gruppe neu formiert (Wishaw & Kolb, 20051)Wishaw, I. Q., & Kolb, B. (2005). The Behavior of the Laboratory Rat. A Handbook with Tests. Oxford University Press).

Im Folgenden soll dargestellt werden, wie eine Konfrontation zwischen einem Rattenmännchen in seinem Territorium mit einem männlichen Eindringling in der Regel abläuft.

Der erste Kontakt erfolgt in der Regel über olfaktorische Signale, also über den Geruch. Hierbei spielen insbesondere Pheromone (Botenstoffe zur Informationsvermittlung zwischen Individuen) eine wichtige Rolle. Die Ratten strecken sich beim Schnuppern nach oben. Der erste Kontakt erfolgt dann von Nase zu Nase und wird als Schnauzenkontrolle bezeichnet. Des Weiteren beschnuppern sich die Tiere im Genital- und Analbereich.

Eine typische Drohgebärde ist das seitwärts Treten mit aufgewölbtem Rücken und aufgestellten Haaren. Die Kontrahenten bewegen sich parallel oder im 90 Grad Winkel zueinander und treten mit den Hinterbeinen. Dabei versuchen sie, den Kontrahenten weg zu schieben.

Der Inhaber des Territoriums kriecht unter Umständen unter dem Eindringlich hindurch. Häufig wird das unter einer anderen Ratte Durchkriechen als Unterwerfungsgeste interpretiert, dies ist aber nicht der Fall. Vielmehr handelt es sich auch hierbei um eine Dominanzgeste, die taktile Signale sendet.

Eine weitere Möglichkeit der taktilen Kontaktaufnahme kann darin bestehen, dass der eingesessene Bock über den Eindringling hinweg kriecht und ihn dabei unter Umständen mit Urin markiert.

Die Kontrahenten richten sich voreinander auf und bedrohen sich, dabei kann es zu Boxkämpfen kommen.

Bissattacken kündigt der eingesessene Bock mit kurzen Tönen im Ultraschallbereich (50 kHz Bereich) sowie Zähneklappern an, während der Eindringling eher lange, monotone Töne im Bereich von 20 bis 25 kHz ausstößt. Bisse zielen meist auf den Rücken und Nackenbereich. Die Attacken beginnen meistens mit einem Angriffssprung.

Eine deutliche Dominanzgeste ist das Zwangsputzen (Allogrooming), bei dem der dominante Bock vor allem die Nackenregion des Unterlegenen putzt. Der Unterlegene verharrt starr in einer zusammen gekauerten Position oder flieht.

Unterwirft sich eins der Tiere, legt es sich auf den Rücken, um Nacken und Rückenbereich zu schützen, und verharrt regungslos.

Auch das gegenseitige Aufreiten oder Bespringen ist eine Dominanzgeste.

Liste offensiver und defensiver Verhaltensweisen

Timmermans (19782)Timmermans (1978), The Social Behavior of the Rat) beschreibt in seinem umfassenden Werk eine ganze Liste von antagonistischen Verhaltensweisen. Alle folgenden Bilder sind Timmermanns (1978) entnommen

Offensive Verhaltensweisen bei Ratten

  • Drohen (Threat): Die Ratte krümmt sich oder sitzt mit tief gehaltenem Kopf. Die Ohrmuscheln sind nach vorne gedreht, die Augen meistens halb geschlossen und das Fell am ganzen Körper ausgestellt. Das Tier stellt seine Flanke und Kopf zum Gegner, wenn dieser sehr nahe ist, kann es seinem Vorderfuss in dessen Seite drücken. Drohen kann von Zähneklappern begleitet sein.
  • Drohende Annährung (Threatening Approach): Die Ratte geht langsam und schlurfend auf den Gegner zu. Der Schwanz ist meist auf den Boden gedrückt, so dass er eine Spur in der Einstreu zieht. Wenn die drohende Annäherung in einer symmetrischen Interaktion abspielt, führt sie häufig dazu, dass die Kontrahenten sich umrunden und sich gegenseitig die Flanken präsentieren. Es kann zu Zähneklappern und Vokalisationen kommen.
  • Beeindrucken (Impress): Tritt meistens nach dem Drohen auf, Der Rücken ist stark gewölbt, so dass der Bauch vom boden abgehoben ist. Der Schwanz wird auf den Boden gedrückt und der Kopf ist zum Gegner gedreht. Der Vorderfuß kann angehoben sein, wenn der Gegner nahe ist. Das Tier kann sich seitwärts gerichtet dem Gegner annähern
  • Seitliche Attacke (Sideways Attack): folgt oft auf das Beeindrucken. Die Ratte springt mit gewölbtem Rücken auf den Gegner zu und kickt den Gegner mit der Hüfte oder den Hinterbeinen. Wenn der Gegner sich nicht bewegt, bewegt der Angreifer den Kopf unter den Vorderkörper des Gegners und drückt die Hinterbeine gegen die Hüfte oder den Rücken des Tieres. Kann zu Kampf führen.
  • Kampf (Fight): Folgt auf die seitwärts Attacke. Die Gegner rollen übereinander während sie sich treten und beißen
  • Festhalten (Cling): Ein Tier liegt über dem anderen. Während die Bäuche gegeneinander gerichtet sind, halten die Tiere sich mit den Pfoten gegenseitig fest. Sie treten, drücken und versuchen, sich zu beißen. Der Angreifer richtet seinen Kopf meist auf die Flanken des Gegners, während dieser versucht, sich herauszuwinden oder die Zähne des Angreifers mit den eigenen Zähnen abzufangen
  • Übergebeugt (Bend over): Die Ratte platziert ihre Vorderfüße auf dem Rücken oder dem Bauch des Gegners und versucht, mit dem Kopf die Flanke zu erreichen. Wird meist durch Haareaufstellen begleitet und kann zu Bissen führen (Abbildung 14)
  • Biss (Bite): Die Ratte schnappt schnell zu und lässt wieder los oder hält fest und kaut oder zieht.
  • Ziehen (Pull): Die Ratte greift das Fell des Gegners mit den Schneidezähnen und zieht an dem Tiere. Die Vorderbeine werden auf den Gegner gestellt.
  • Hinterherziehen (Drag): Die Ratte greift den Gegner wie beim Ziehen und zieht ihn über den Boden.
  • Schubsen (Push): Die Ratte nimmt eine hockende Stellung ein und drückt die Vorderfüße auf den Gegner
  • Festhalten (Hold fast): Die Ratte platziert eine oder beide Vorderfüße auf dem Rücken oder Bauch des Gegners während sie neben diesem hockt.
  • Schlagen (Strike): Die Ratte ist noch nicht im Kontakt mit dem Gegner, aber hebt eine oder beide Vorderfüße und schlägt oder kratzt mit dieser in einer Abwärtsbewegung nach dem Gegener (Abbildung 14)
  • Schnappen (Snap): Die Ratte bewegt den Kopf schnell in Richtung des Gegeners, schnappt und zieht sich wieder zurück.
  • Ausfall (Lunge): Die Ratte springt plötzlich auf den Gegener zu, hält ihn mit den Vorderpfoten fest und beißt zu. Bei Männchen meistens begleitet von Haareaufstellen.
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  • Jagen (Chase): Der Angreifer jagt den Gegner (Abbildung 15)
  • Folgen (Follow): Der Angreifer folgt dem Gegner (Abbildung 15)
  • Umschubsen (Push over): Die Ratte platziert die Vorderfüße auf dem Rücken oder an den Flanken des Gegeners und schubst diesen seitwärts um. Kann von Haareaufstellen begleitet werden, woraufhin meist ein Biss folgt. Kann auch im Vorfeld von sozialer Fellpflege erfolgen, dann aber ohne Haareaufstellen. (Abbildung 14)
  • Aggressives Putzen (Aggressive Groom): Der Gegner wird häufig gekratzt und mit den Vorderpfoten geschubst, teilweise wird Fell ausgerissen. Richtet sich vor allem auf Nacken und Schultern.
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  • Aufrechte Attacke (Upright Attack): Die Ratten erheben sich auf die Hinterbeine und zeigen sich gegenseitig die Vorderseiten. Sie halten häufig die Vorderpfoten des Gegners. Die Tiere berühren sich oft mit den Schnauzen. Kann durch Haareaufstellen und Zähneklappern begleitet sein. (Abbildung 17)
  • Boxen (Box): Erfolgt in der aufrechten Position, die Tiere schlagen nach einander, kratzen oder beißen nach dem Kopf des anderen. Häufig begleitet von Haareaufstellen und Zähneklappern. Effektive Bisse erfolgen selten, aber Kopf und Schnauze können gekratzt werden.
  • Springen (Leap up): aus der erhobenen Position springt die Ratte senkrecht auf den Gegner zur und tritt nach dem Gegner. Wird in der Regel durch Haareaufstellen begleitet (Abbildung 17)
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  • Rückwärts Umschmeissen (Push over backward): Die Ratte wirft den Gegner um, indem sie sich mit den Vorderpfoten gegen sie lehnt (Abbildung 18)
  • Unten halten (Keep down): Die Ratte hält den Gegner am Boden, nachdem sie ihn umgeworfen hat. Dabei steht sie auf den Hinterbeinen und ist über den Gegner gebeugt. Das Tier am Boden liegt immer auf dem Rücken und die Tiere sind längs orientiert. Wird häufig begleitet von Haareaufstellen und Zähneklappern (Abbildug 18)
  • Hinwenden (Turn to): plötzlich Umwenden des Kopfes (Abbildung 15)
  • Ausgraben (Dig out): Der Angreifer versucht, einen versteckten Gegner auszugraben.
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Defensive Verhaltensweisen bei Ratten

  • Einfrieren (Freeze): Die Ratte erstarrt (Abbildung 18)
  • Hocken (Crouch): die Ratte sitzt oder beugt sich über. Der Bauch ist am Boden und der Kopf tief gehalten. Langsame Bewegungen des Kopfes sind möglich, ansonsten verharrt die Ratte ruhig
  • Parieren (Parry): Die Ratte nimmt eine Hockende Stellung ein. Die Bauchseite ist meist dem Gegner zugewandt, die Vorderfüsse sind angehoben, aber ohne den Gegner aktiv zu berühren. Wird häufig von „Singen“ oder Quieken begleitet (Abbildung 16)
  • Fernhalten (Keep Off): Die gleiche Position wie Parieren, allerdings hält die Ratte den Angreifer mit den Vorderfüßen fern. Oft begleitet von Quieken oder Schreien
  • Kampf (fight): Während der Verteidigung im Kampf beißt die Ratte selten zu
  • Festhalten (Cling): siehe offensives Verhalten
  • Rauswinden (Squirm): Die Ratte liegt auf dem Rücken oder der Seite und wird vom Gegner in dieser Position festgehalten. Die unterlegene Ratte versucht sich durch treten und drücken zu befreien. Manchmal von Schreien und Quieken begleitet (Abbildung 14)
  • Beißen (Bite): erfolgt in kurzem Schnappen
  • Rückzug (Shrink back): Als Reaktion auf einen Ausfall des Gegners springt die Ratte seitwärts, hoch oder zurück, häufig von einem Schrei begleitet und gefolgt von Flucht.
  • Fliehen (Flee): Erfolgt in schnellem Trab, Gallop oder mit Sprüngen.
  • Eingraben (Burrow): Vergraben in lockerem Material
  • Innehalten (Stop): Plötzliches Verharren auf der Flucht
  • Weg gehen (Walk of): Der Unterlegene zieht sich langsam schreitend oder trabend zurück (Abbildung 15)
  • Seitwärts Fallen (Fall sideways): Die umgeschubste Ratte fällt seitwärts oder auf den Rücken (Abbildung 14)
  • Auf dem Rücken liegend fernhalten (Keep off lying): die auf der Seite oder dem Rücken liegende Ratte hält den Gegner mit den Hinterbeinen fern (Abbildung 16)
  • Seitliche Verteidigung (Seitways defence): Die Ratte sitzt mit leicht gebeugtem Rücken, die Hinterbeine zum Gegner gewandt und tritt mit dem Hinterfuss seitlich nach diesem (Abbildung 16)
  • Aufrechte Verteidigung (Upright defence): In der erhobenen Position hält die Ratte den Gegener mit den Vorderbeinen fern. Der Kopf ist oft abgewandt oder zur Seite gedreht. Kann von Zähneklappern, Quieken oder Schreien begleitet sein (Abbildung 17)
  • Boxen: Beim defensiven Boxen sind die Haare nicht aufgestellt (Abbildung 17)
  • Rückwärts Fallen (Fall backward): die Ratte fällt beim Boxen oder aufrechter Verteidigung um (Abbildung 18)
  • Ausweichen (Evade): Die Ratte dreht den Kopf und den vorderen Teil des Körpers vom Gegner weg
  • Rückzug (Retreat): Die Ratte bewegt sich rückwärts laufend vom Gegner weg.
  • Aufwerfen (Throw up): Die Ratte, die sich zurück zieht, wirft mit Einstreu nach dem Gegner.

References   [ + ]

1.Wishaw, I. Q., & Kolb, B. (2005). The Behavior of the Laboratory Rat. A Handbook with Tests. Oxford University Press
2.Timmermans (1978), The Social Behavior of the Rat