Die Inti: Integration neuer Ratten in bestehendes Rudel

Kathrin Guttmann Wissen

Farbratten sind hoch soziale Tiere, die sich nur in der Gemeinschaft mehrerer Rudelmitglieder wohl fühlen. Auch ihre wilden Verwandten, die Wanderratten, leben in Gruppen, die sich bei genügend großem Nahrungsangebot zu sogenannten Clans mit mehreren Männchen und Weibchen zusammenschließen. Gruppen oder Clans von Wanderratten sind sehr territorial und verteidigen ihr Revier gegen andere Ratten. Auch unsere Farbratten verhalten sich ähnlich. Sie haben einen starken Bezug zum eigenen Rudel, verteidigen aber ihr Territorium - den Käfig oder Auslauf - gegenüber neue dazu gesetzten Ratten. Das stellt uns vor eine besondere Herausforderung, wenn wir unseren Tieren ein artgerechtes Leben in einem größeren Rudel ermöglichen wollen, in das wir aber spätestens dann, wenn nur noch zwei Tiere übrig sind, wieder neue Ratten integrieren müssen. Denn ein Rudel beginnt ab einer Gruppenstärke von drei Tieren.

Was man auf keinen Fall tun sollte...

Auf gar keinen Fall dürfen Sie neu dazu kommende Tiere ohne jegliche Vorbereitung zum bestehenden Rudel setzen. Auch wenn Sie zu Hause nur ein Einzeltier haben, dem Sie jetzt die notwendigen Rudelmitlieder vorstellen wollen, dürfen Sie diese auf gar keinen Fall einfach zum eingesessenen Tier in den Käfig setzen. Auch wenn es immer wieder Berichte darüber gibt, dass so etwas problemlos funktioniert haben soll, ist das Risiko zu hoch, dass die Aktion mit Verletzungen oder sogar dem Tod einer Ratte endet.

Die "Neutraler-Raum"-Methode

Vor dem ersten Zusammentreffen

Für die Zeit der Integration benötigt man auf jeden Fall einen weiteren Käfig, in dem die Neuzugänge getrennt von den Alteingesessenen untergebracht werden können. Um zu verhindern, dass ein Neuling längere Zeit alleine in einem Käfig sitzt, was alles andere als artgerecht ist, sollte man wenn möglich immer mindestens zwei Ratten einziehen lassen.

Zu Anfang sollte man die Neuen soweit von den bereits vorhandenen Ratten entfernt unterbringen, dass sich die Tiere nicht direkt wahrnehmen können. Geben Sie den Neulingen Zeit, sich an die fremde Umgebung und auch die neuen Menschen in ihrem Leben zu gewöhnen und berücksichtigen Sie auch, dass eine gewisse Quarantänezeit eingehalten werden sollte. Für eine ernsthafte Quarantäne ist es notwendig, dass sie sich gründlich die Hände waschen und desinfizieren, wenn Sie zwischen den Tiergruppen wechseln.

Zur Vorbereitung des ersten Zusammentreffens gibt es unterschiedliche Empfehlungen. Einige schwören darauf, dass die Ratten auf gar keinen Fall vor dem ersten Zusammentreffen Sicht- oder Geruchskontakt haben dürfen, da einige Ratten aggressiv auf den Geruch von fremden Ratten in ihrem Revier reagieren. Andere empfehlen dagegen eine schrittweise Annäherung der Käfige und ein Vertrautmachen der neuen Gerüche, indem man Käfigeinrichtung zwischen den Käfigen tauscht. Auf jeden Fall muss immer ein Abstand eingehalten werden, der sicher stellt, dass die Tier sich nicht durch die Gitter beißen können. Sollte eine Ratte aggressiv reagieren, muss man die Tiere wieder weiter voneinander entfernt unterbringen (am besten wieder ohne Sicht- oder Geruchskontakt) und evtl. einige Tage abwarten bis zum ersten Zusammentreffen.
Es ist sinnvoll, noch einen weiteren nicht zu großen Käfig (ich verwende einen Käfig mit den Maßen 80 cm x 40 cm) ohne Etagen oder Einrichtung zur Verfügung zu haben, in dem das erste Zusammentreffen stattfinden kann. Dieser Käfig muss sehr gut gereinigt sein, so dass er neutral riecht, und darf keinem der Tiere wirklich vertraut sein. Wichtig ist, dass man gut in den Käfig hineinreichen kann, um im Notfall Tiere von einander trennen zu können.

Sollten Sie keinen zusätzlichen Käfig haben, kann man das erste Zusammentreffen auch in einer mit einer Decke oder einem großen Handtuch ausgelegten Badewann stattfinden lassen oder in einem neutralen Raum, der nicht der Auslauf der Alteingesessenen sein darf, einen Areal abtrennen.

Die ersten Zusammentreffen

Das erste Zusammentreffen sollte kurz sein und nur wenige Minuten dauern. Möglicherweise reagieren die Ratten gar nicht aufeinander. Meist werden sie sich gegenseitig beschnuppern und dann eventuell das erste Dominanzverhalten zeigen. Trennen Sie die Tiere nach wenigen Minuten wieder, auch dann, wenn alles friedlich abläuft. Für die Ratten bedeutet ein solches Zusammentreffen großen Streß. Setzen Sie die Ratten jetzt täglich dem umgrenzten neutralen Areal zusammen und steigern Sie die Dauer von Tag zu Tag. Wie schnell Sie sie steigern können, hängt sehr von Ihren Tieren ab, lassen Sie sich aber im Zweifelsfall lieber etwas mehr Zeit als etwas zu überstürzen.

Bei den Treffen werden die Tiere versuchen, sich gegenseitig zu dominieren. Typisches Dominanzverhalten ist zum Beispiel das Aufstellen des Fells (sogenanntes Borsteln), gegenseitiges Boxen, Treten oder Rangeln. Teil des aushandelns von Hierarchien ist auch, dass die Ratten immer wieder über- und untereinander her klettern. Dabei geben die oberen Tiere ein winzige Menge Urin ab und markieren so die zukünftigen Rudelmitglieder. Was für den einen oder anderen unter Umständen etwas abstoßend erscheinen mag, ist für die Ratten ein ganz normaler Kommunikationsweg. Ratten sehen extrem schlecht und orientieren sich stark an Gerüchen. Der Geruch des Urins einer Ratte teilt der anderen sehr viel mit. Möglicherweise versuchen die Tiere sich auch gegenseitig zu decken. Auch dies gehört zum normalen Dominanzverhalten und ist kein Anlass zur Sorge, so lange sie gleichgeschlechtliche Tiere vergesellschaften bzw. bei einem kastrierten Bock die Kastrations-Quarantäne abgewartet haben. Ein weiteres Dominanzverhalten stellt das sogenannte Zwangsputzen dar, bei dem der dominante Part die am Boden liegende Ratte, die sich unterwirft, putzt.

Wenn Tiere in eine ernste Auseinandersetzung geraten, so dass Fell fliegt oder Blut fließt, muss man sie unbedingt sofort trennen. Dafür sollte man ein Paar bißfeste Handschuhe oder ein Handtuch griffbereit haben. Behalten Sie die Tiere immer im Blick und lassen Sie sie keinesfalls alleine, damit Sie sie trennen können, bevor es zu heftigen Kämpfen kommt.

Gemeinsamer Auslauf

Wenn die Ratten eine längere Zeit (ca. 20 Minuten) friedlich auf neutralem Boden zusammen sein können, kann man Ihnen auch den ersten gemeinsamen Auslauf unter Aufsicht ermöglichen. Auch hier steigert man langsam die Dauer. Erst wenn die Ratten sich über einen längeren Zeitraum (mehrere Stunden) wiederholt freidlich verhalten, sich gegenseitig putzen und auch Leckerbissen, die man reicht, zusammen fressen, kann man sich an den letzten Schritt wagen.

Gemeinsamer Käfig

Bevor man die Ratten in einen gemeinsamen Endkäfig setzt, muss dieser sehr gründlich gereinigt werden. Dabei muss auch die gesamt Käfigeinrichung mit sauber gemacht werden. Zusätzlich sollte man den Käfig umgestalten und auch die Käfigeinrichtung, die sich im Käfig der Neuen befunden hat, mit einbeziehen. Setzen Sie jetzt zunächst die neuen Tieren in den Käfig, damit sie sich umschauen könne. Danach dürfen die Alteingesessenen dazu. In der Regel werden die Tiere jetzt noch einmal gegenseitiges Dominanzverhalten zeigen, möglicherweise kommt es auch erneut zu Rangelein. Wenn diese zu heftig sind, sollten Sie unbedingt einen Schritt zurück machen und die Tiere zunächst wieder im Auslauf zusammen laufen lassen, bevor Sie sie erneut im Käfig zusammen führen. Unter Umständen kann sich diese Phase über mehrere Tage hinziehen.

Wie lange dauert eine Integration?

Die Zeitraum, den man für eine erfolgreiche Integration braucht, ist sehr variabel. Ich habe bereits Tiere, die ich sehr gut kannte, innerhalb weniger Tage integriert (das geht aber auch wirklich nur, wenn man ein sehr friedliches Rudel hat), in anderen Fällen hat es Monate gedauert. Es gibt auch Fälle, in denen Ratten, die unter Umständen vorher lange alleine gelebt haben, sich gar nicht integrieren lassen.

Beachten Sie bitte, dass es auch im friedlichsten Rudel zu Rangelein kommen kann, die unter Umständen mit lautem Quieken verbunden sind. Das ist normales Verhalten und gehört zum Rattenleben dazu wie für uns Menschen der eine oder andere Streit. So lange die Tiere sich nicht ineinander verbeißen und Blut fließt, sollten Sie die Tiere ihre Hierarchie untereinander festlegen lassen.

Der Sonderfall: die Integration von Babies

Das Revierverhalten von Ratten entwickelt sich etwa aber der 10-12 Lebenswoche. In diesem Alter beginnen die Tiere, untereinander eine Hierarchie auszuhandeln und ihr Revier zu markieren. Vor der 10. Lebenswoche zeigen Ratten in der Regel kein Revierverhalten. Daher ist eine Integration von Ratten, die jünger als 10 Wochen sind mit Ratten, die ebenfalls weniger als 10 Wochen alt sind, in der Regel sehr schnell und ohne Probleme möglich. Auch hier sollte das erste Zusammentreffen auf neutralem Boden stattfinden, die Tiere können aber meistens schon nach kurzer Zeit in einem gemeinsamen Käfig untergebracht werden. Natürlich sollten auch hier alle Schritte unter Aufsicht stattfinden.

Ratten, die jünger als 10-12 Wochen sind, dürfen auf gar keinen Fall mit Tieren vergesellschaftet werden, die älter als 10-12 Wochen sind. Da die jüngeren Tiere noch kein Revierverhalten entwickelt haben, würden die älteren Tiere sie zu stark bedrängen. Hier kann es unter Umständen zu lebensgefährlichen Verletzungen kommen, vor allem wenn die älteren Tiere sehr viel größer und schwerer sind. Ratten haben keinen Welpenschutz. Auch wenn weibliche Ratten manchmal Jungtiere gemeinsam aufziehen und bei einer Aufzucht im Rudel andere Rudelmitglieder freundlich mit den Jungtieren umgehen, heißt das nicht, dass sie sich fremden Jungtieren gegenüber ebenfalls freundlich verhalten. Warten Sie mit einer Integration auf jeden Fall ab, bis alle Tiere älter als 12 Wochen sind.

Die Transportbox-Methode

Die Transportbox-Methode ist vor allem in Großbritannien weit verbreitet. Die Grundidee besteht darin, dass man die Ratten zunächst in einem kleinen, neutralen Raum zusammen bringt (z.B. Sofa, Tisch, Badewanne) und sie dann in einen kleinen Käfig oder eine Transportbox setzt, bis die Gruppe ruhig zusammen ist. Der Platz wird dann nach und nach vergrößert. Sobald die Ratten einmal zusammen gesetzt wurden, werden sie nicht mehr getrennt, außer es fließt Blut. Der Hintergrund ist, dass die relativ kleine Fläche die Ratten zwingt, schnellstmöglich eine neue Hierarchie zu erarbeiten. Die Ratten können sich nicht aus dem Weg gehen, was das aushandeln einer neuen Rangordnung nur verlängern würde, außerdem können sie nicht panisch davon laufen und sich dabei verletzen. Hinzu kommt, dass die dominanten Tiere in einer Transportbox oder einem kleinen Käfig nicht so viel Raum haben, den sie kontrollieren und verteidigen müssen, sich also nicht so dominant zeigen müssen. Problematisch ist diese Methode bei sehr territorialen und aggressiven Ratten und vor allem dann, wenn eher schwache Tiere integriert werden sollen.

Für die Transportbox-Methode braucht man eine Transportbox oder einen kleinen Käfig, der so klein ist, dass die Ratten gezwungen sind, nahe beieinander zu liegen, wenn sie sich hinlegen. Es sollte aber noch genügend Platz für zwei Wasserflaschen sein, Futter sollte auf dem Boden ausgestreut werden, damit keine der Ratten die Futterschüssel für sich beanspruchen können. Es sollte möglich sein, dass die Ratten sich etwas bewegen, sie sollten sich aber auf keinen Fall verstecken können. Aus dem Grund dürfen auch keine Häuschen, Tunnel, Kuschelsachen oder andere Versteckmöglichkeiten vorhanden sein. Bezüglich der Einstreu sollte man eine wählen, unter der die Ratten sich nicht verkriechen können. Zeitungspapier, Handtücher, Fleece oder Safebed ist daher weniger geeignet als zum Beispiel Holz- oder Leineneinstreu. Der Transportkorb sollte möglichst neutral riechen, wenn man einen sehr dominanten Rudelchef hat, kann es sinnvoll sein, Einstreu zu verwenden, die nach ihm/ihr riecht.

Die Ratten werden jetzt wie in der "Neutraler-Raum"-Methode zunächst in einem Raum zusammen gebracht, den sie sonst nicht benutzen. Das kann eine mit einem Handtuch ausgelegte Badewanne, ein Tisch oder ein Sofa sein. Die Ratten sollten nach und nach dort hin gesetzt werden, und zwar zuerst den Rudelchef, dann die Neuankömmlinge und dann nach und nach alle anderen Ratten, angefangen bei den ruhigsten. Dabei wartet man jeweils ab, bis alle sich beruhigt haben, bevor man die nächste Ratte dazu setzt. Es ist wichtig, nicht einzugreifen, außer wenn Gefahr besteht, dass eine Ratte verletzt wird. Die Ratten werden sich wahrscheinlich wie bei der "Neutraler-Raum"-Methode verhalten, sich beschnuppern, quieken oder boxen. Selbst wenn eine Ratte borstelt (die Haare aufstellt) oder mit gesenktem Kopf seitwärts auf die andere zu läuft und sie bedroht, sollte man nicht sofort eingreifen und die Ratten trennen, sondern z.B. versuchen, sie mit einem lauten Geräusch ablenken. So lange kein Blut fließt, sollten die Ratten ihre Stellung in der Hierarchie ungestört aushandeln können.

Im nächsten Schritt setzt man alle Ratten zusammen in die vorbereitete Transportbox. Auch hier gilt: So lange kein Blut fließt, sollte nicht eingegriffen werden. Die Ratten werden verschiedene Dominanzgesten zeigen wie z.B. Borsteln, Zähneklappern, die andere Ratte auf den Rücken drehen, Zwangsputzen oder Boxen. Dies sollte man alles zu lassen, auch wenn es dabei zeitweise ziemlich laut mit viel Gequieke hergehen kann. Da der Platz sehr eingeschränkt ist, können die Ratten nicht aus der Situation fliehen und so die Auseinandersetzung in die Länge ziehen, sondern werden sich schneller unterwerfen. In dem Fall sollte die dominantere Ratte von ihr ablassen. Ist das nicht der Fall, kann man die Ratte mit einem lauten Geräusch ablenken. Es kann auch passieren, dass Ratten in einer Ecke erstarren und nicht auf die anderen zugehen. Dann kann man die Transportbox herumtragen oder vielleicht sogar eine kleine Autofahrt mit den Tieren unternehmen, so dass sie etwas verunsichert werden, was sie dazu anregt, Schutz bei einander zu suchen.

Die Ratten bleiben jetzt in der Transportbox, bis sich alle für einige Zeit ruhig verhalten. Anfangs kann es immer wieder zu kleinen Auseinandersetzungen kommen, nachdem die Ratten bereits friedlich zusammen geschlafen haben. Das ist völlig normal und man sollte auf keinen Fall eingreifen. Es kann einige Stunden bis zu einige Tage dauern, bis die Ratten ruhig bleiben. Dann kann man sie in einen kleinen Käfig umsetzten, der etwas größer sein sollte als die Transportbox. Auch dieser Käfig darf nur Einstreu (aus der Transportbox umfüllen!), Futter am Boden und zwei Wasserflaschen enthalten. Es darf keine Versteckmöglichkeiten geben. Man setzt die Ratten nach und nach, beginnend mit der rangniedrigsten, in den neuen Käfig. Jetzt wird es wieder Auseinandersetzungen geben, daher sollte man zunächst bei den Ratten bleiben. Es werden einige Tage, bis die Ratten auch in gemischten Gruppen (Neulinge mit Alteingesessenen) schlafen. Wenn das der Fall ist, können nach und nach Häuschen, Röhren oder ähnliche Käfigeinrichtung zugefügt werden. Wenn die Ratten nach ein oder zwei Wochen friedlich in dem Käfig zusammen leben, kann man sie wieder in einen größeren umziehen lassen oder mehr Platz frei geben (z.B. wenn man vorher Etagen abgetrennt hat). So verfährt man, bis die Ratten schließlich den gesamten Käfig mit Einrichtung friedlich teilen.

Im Freilauf kann es nochmals zu Auseinandersetzungen kommen, daher sollte man auch den zunächst begrenzen.

Es kann auch passieren, das zwei Ratten sich nicht aneinander gewöhnen oder sich feindlich gesonnen sind. Diese Tiere sollte man dann noch einmal zu zweit in eine sehr kleine Transportbox setzen, bis sie die Hierachie geklärt haben.

Dominantes und aggressives Verhalten bei Ratten

Wir empfehlen, sich vor einer ersten Integration mit den aggressiven und defensiven Verhaltensweisen der Farbratten vertraut zu machen. Dabei kann dieser Artikel helfen: Dominantes und aggressives Verhalten bei Ratten

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